Katharina Hacker diskutiert mit unseren Schülern über ihre Abiturlektüre

Mittendrin statt nur dabei: Katharina Hacker fühlte sich wohl bei unseren Schülerinnen und Schülern. Bilder: D. Hagmann

Wenn in gut vier Wochen das Deutschabitur stattfindet und möglichweise der Roman „Die Habenichtse“ interpretiert werden soll, dann kann auch Katharina Hacker nicht helfen. Heute, vor 200 Schülerinnen und Schülern aus elf Oberstufenklassen unseres beruflichen Schulzentrums, tut sie es. Immerhin hat sie das Buch geschrieben – wer könnte Fragen zur Abilektüre also besser beantworten? Weit gefehlt mit dieser Annahme. „Ich weiß nicht, was die Kernaussage des Buches sein soll“, räumt die Schriftstellerin ein, „sonst findet ja nichts mehr in meinem eigenen Kopf statt“. Da ist selbst René Gyurcsik platt, Moderator und Leiter der Abiturkommission im Fach Deutsch: „Von der Veranstaltung nehme ich mit, dass ein Autor offensichtlich auch die Deutungshoheit über sein Werk abgeben kann.“ Tatsächlich sorgte Katharina Hacker für ein Schmunzeln, als sie freimütig bei der Frage zu einer Randfigur ihres Romans zugab: „Keine Ahnung.“

Um einen Eindruck ihres Romans „Die Habenichtse“ zu erhalten, der 2024 erstmals zu den Abiturlektüren der beruflichen Gymnasien in Baden-Württemberg zählt, hatte Frau Hacker daraus einige eindrückliche Stellen voller häuslicher Gewalt, Verwahrlosung und Kriegsangst vorgelesen. Der Roman wurde 2006 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet.

Danach sind die Fragen dran: Wie das Buch denn nun trotz des offenen Schlusses weitergehe. „Für mich geht es gut weiter“, sagt die 57-Jährige. „Sara ist gerettet und bei Jakob und Isabelle denk ich manchmal: Mensch, warum seid ihr so lahmarschig, redet miteinander, teilt mehr miteinander.“ Und natürlich: Warum ist so viel Gewalt in Ihrem Buch? „Als ich im beschaulichen Freiburg lebte, kannte ich die auch nicht. Aber dann in Israel, wo ich studierte, da war sie allgegenwärtig mit Gasmasken und Luftalarmen.“

Wie fängt man so eine Geschichte an zu schreiben, will eine andere Schülerin wissen: „Das ist sehr unterschiedlich. Ich hatte die Lady Margaret Road im Kopf, da habe ich zwei Jahre gelebt. Und den Satz von George W. Bush ´Nichts bleibt wie es war´. Dann schreibe ich meine Geschichte an meinen Sätzen entlang.“ Und Schreiben fängt für die Mutter zweier Jugendlicher wirklich erst an, „wenn morgens alle aus dem Haus sind“. Manche Figuren würden ihr „einfach zulaufen“, so wie Andras. Für Jakob habe sie sich ein Jahr lang in die Juristerei einlesen müssen, um ihn glaubwürdig als Anwalt darstellen zu können. Vier Jahre habe sie an dem Roman gearbeitet. Wer selbst mit dem Schreiben anfangen wolle, der brauche vor allem eines: „die schiere Bockigkeit.“

„Für Ihr Deutschabitur drücke ich Ihnen die Daumen!“ verabschiedet sich die Wahlberlinerin von unseren Schülerinnen und Schülern. Wer wollte, konnte sich danach noch eine persönliche Widmung in den Roman schreiben lassen.

Wenn 200 Schülerinnen und Schüler 90 Minuten mucksmäuschenstill zuhören, muss es interessant gewesen sein. Beeindruckt zeigte sich auch Thomas Hindermann, der beim Kultusministerium stellvertretender Referatsleiter für die beruflichen Gymnasien ist, und eigens zur Lesung anreiste. Organisiert wurde die Veranstaltung von Julia Kauer, der Leiterin unserer Zentrumsbibliothek. Zur Begrüßung sprach Birgit Bürk, die Schulleiterin der Kaufmännischen Schule. Dank ging auch an Winfried Böhm von der Konrad-Adenauer-Stiftung für die Mitfinanzierung der Lesung.

Quelle Beitragsbild


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