Waiblinger Schüler interviewen Holocaustüberlebende

  

Schüler im Gespräch mit der fast 88-jährigen Dagmar Lieblova. Ihre Filmdokumentationen zeigen die Schüler im Herbst anderen Schülern.

 

 

Am 8. Mai vor 72 Jahren war der Horror in den Vernichtungslagern der Nazis zu Ende. Zum Gedenken an diesen Tag des Endes des Zweiten Weltkrieges in Deutschland hatten ein Dutzend Waiblinger Wirtschaftsgymnasiasten die Möglichkeit, mit einer Zeitzeugin des KZ-Grauens zu sprechen. Die bald 88-jährige Dagmar Lieblová traf sich mit den Zwölftklässlern in Nördlingen. Vor einer Veranstaltung in der ehemaligen Synagoge von Hainsfarth nahm sich die Germanistikprofessorin ausführlich Zeit, um mit den Schülern zu sprechen.

Lieblová hatte damals im KZ Theresienstadt das Glück, Teil der Kinderoper „Brundibar“ zu sein. Die Musik, eine Freundschaft und ein Schreibfehler retteten ihr das Leben. Aus dem Videomaterial der Gespräche der Schüler mit Dagmar Lieblová soll im Herbst eine gemeinsame Veranstaltung des Wirtschaftsgymnasiums Waiblingen mit dem Staufer-Gymnasium entstehen. Dort soll das Filmmaterial mit Musik und Literatur aus Theresienstadt anderen Schülern präsentiert werden.

 

Dagmar Lieblová (Mitte) mit Schülern des Geschichtskurses der Klasse 12 des Wirtschaftsgymnasiums Waiblingen und den Lehrern Florian Lautenschlager, Birgit Bürk, Birgit Kaufmann, Nadine Wörner über ihr Leben als Jüdin im Nationalsozialismus.

 

„Es war damals schöne Musik und ich liebe sie noch heute“, erzählt die rüstige Dame mit strahlenden Augen von ihren Auftritten in der Kinderoper „Brundibar“. Es sei für die Kinder die Möglichkeit gewesen, für kurze Zeit dem harten Alltagsleben im Konzentrationslager Theresienstadt zu entfliehen: Ein Märchen von einem normalen Leben, in dem das Gute siegt. „Wissen Sie noch Ihr ungefähres Alter, als Sie in der Oper aufgetreten sind?“, fragt die Schülerin Saskia. „Natürlich. Das weiß ich genau. Ich war dreizehn.“, die zierliche Tschechin antwortet ohne zu überlegen. Die Premiere habe sie noch miterlebt, dann wurde sie im Dezember 1943 nach Auschwitz deportiert. Mit gefasster Stimme berichtet sie über ihre Zeit in Theresienstadt: „Erst fingen wir heimlich an zu singen, dann hieß es, es würde eine Aufführung geben. Wer mitsingen will, soll sich melden. Es wurde richtig geprüft, ob man singen kann.“ Die Waiblinger Musiklehrerin Nicola Hallstein vom Staufer-Gymnasium weiß: „Brundibar – das ist sehr schwierige Musik.“ Umso mehr überraschen Frau Lieblovás Aussagen: „Wir hatten keine Noten, nur ein ganz einfaches Klavier, wir haben einfach gesungen“.

Im NS-Propagandafilm, der nach der Rotkreuzbegehung Juni 1944 entstand, ist ein kurzer Ausschnitt aus der Kinderoper zu sehen und schnell wird klar, dass die Kultur von den Nazis zu Propagandazwecken missbraucht wurde. Es sollte der Anschein erweckt werden, dass es in den Konzentrationslagern „nicht so schlimm“ war.

Die Filmarbeiten habe sie nicht mehr mitbekommen, meint Lieblová, da sei sie schon in Auschwitz gewesen. Aber an die „Verschönerungsarbeiten“ vor dem Film erinnert sie sich. Etwa habe man die dreistöckigen Betten durch zweistöckige ersetzt. Das bedeutete, dass zu viele Menschen in Theresienstadt waren. „Diese kamen nach Ausschwitz“, berichtet Lieblová.

Die heute neunfache Großmutter verlor alle ihre damaligen Verwandten. In der nationalsozialistischen Vorstellungswelt war wortwörtlich kein Platz für Juden. Ihre komplette Familie: Eltern, Schwester, Tanten, Onkel und Cousins waren unter den rund sechs Millionen Holocaustopfern der Nationalsozialisten. „Gab es auch Aufseher, die Sie gut behandelten?“, will der Schüler Nikolla wissen. Frau Lieblová schweigt kurz und erzählt: „Nein. Für die Nazis waren wir weniger als Ungeziefer.“

Die Schülerin Janette fragt: „War so etwas wie Freundschaft zu anderen Häftlingen möglich?“ Die Gesichtszüge von Frau Lieblová entspannen sich: „Ja, da war ein anderes Mädchen, sie hieß auch Dagmar. Wir fanden uns in Auschwitz und Bergen-Belsen wieder. Das war auch nach Kriegsende eine sehr besondere Freundschaft. Auch bei den Familienfesten später, sie war immer die „Tante“. Da war ja sonst niemand mehr“.

„In Theresienstadt war ich nach dem Krieg oft. Ich führe Jugendliche durch das Ghetto. In Auschwitz war ich nur einmal als Besucherin.“ Schweigen im Raum. Dagmar Lieblová, die sonst sehr gefasst ist und zwischendurch immer wieder ihre Lebensfreude durchblitzen lässt, klopft mit ihren Fingern auf den Tisch. „Meine Oma wohnte in der Nähe von Auschwitz“ unterbricht der Schüler Oliver das Schweigen. Sie meinte, man hätte die Verbrennungsöfen gerochen. „Ja, das war das Schlimmste. Es ist ein Geruch, den ich nicht beschreiben kann“, bestätigt Lieblová.

Im Juli 1944 wurde Lieblová selektiert. Sie überlebte durch einen Fehler das NS-Vernichtungslager: Sie war eigentlich erst 15, zu jung für einen Arbeitseinsatz und damit hätte sie auch ermordet werden sollen. Aber jemand hatte sich verschrieben und auf den Papieren stand, dass sie 19 war. So kam sie nach einem Arbeitseinsatz in Hamburg nach Bergen-Belsen, wo sie am 15. April 1945 von der britischen Armee befreit wurde.

 

 

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