Lesung in der Zentrumsbibliothek: Aufgewachsen in der DDR – und ausgewiesen

Bibliothekarin Julia Kauer organisierte in unserer Zentrumsbibliothek eine Lesung mit Nadja Klier und Ingo Hasselbach. Die beiden gaben Einblicke in das Leben in der DDR – und warum sie ausgewiesen wurden. 

 

 

(jk). „Macht mal die Augen zu und fühlt mal, welche Farbe verbindet ihr mit der DDR?“ „Grau“ antwortet ein Schüler, das ist für alle nachvollziehbar. „Rot“ sagt ein anderer, „Warum rot?“ „Wegen der Farbe des Kommunismus.“ Immer wieder bezieht die Autorin und Fotografin Nadja Klier die 75 Schülerinnen und Schüler aus unserem Schulzentrum durch Fragen in die Veranstaltung in der Bibliothek unseres Schulzentrums mit ein.

Eindrucksvoll und authentisch erzählt sie aus ihrer Jugendzeit um ihr persönliches Schicksalsjahr 1988 herum, als ihre Mutter, die regimekritische Theaterregisseurin Freya Klier und deren Lebensgefährte, der Liedermacher Stephan Krawczyk mit Berufsverbot belegt und einige Zeit später aus der DDR ausgewiesen wurden und Tochter Nadja gleich mit.

Nadja Klier hat für die Schüler viele Fotos aus der damaligen Zeit und auch Anschauungsmaterial aus ihren Stasiakten dabei – über 1600 Seiten wurden alleine über ihre Familie angelegt. Sie erzählt, dass sie im Nachhinein aus den Unterlagen erfahren hat, dass von Behördenseite aus geplant war, einen Freund als Informellen Mitarbeiter für sie zu suchen, dessen erwünschte Eigenschaften in den Akten genau beschrieben waren. Erschreckend, wie minutiös Regimegegner beobachtet und kein Detail ihres Lebens und auch deren Familienangehörige nicht aus den Augen gelassen hat.

Schnitt – nach einem kurzen einleitenden Film berichtet Kliers Lebenspartner Ingo Hasselbach aus seiner Sicht, wie er, Sohn eines Journalistenpaares, der Vater linientreuer Kommunist, als systemkritischer jugendlicher Punk in der DDR aufwuchs. Sein öffentlicher Ausruf „Die Mauer muss weg“ brachte ihn ins Gefängnis. Über die Zeit im Gefängnis und die Willkür der Obrigkeiten erzählt er überaus anschaulich, beispielsweise wie er kurz vor einem genehmigten Besuch seiner Mutter in eine andere, weit entfernte Haftanstalt verlegt wurde und so der Kontakt zur Familie verhindert wurde. Im Gefängnis fand Hasselbach Zugang zur rechtsradikalen Szene und hing ihr an bis 1993, als der tödliche Brandanschlag auf Asylbewerber in Mölln durch Neonazis verübt wurde. Dieses Ereignis bewog ihn dazu, auszusteigen und dem BKA sein Wissen über die Szene zu anzuvertrauen. Ganz offen beantwortet er die Fragen der Schüler zu seiner Zeit im Gefängnis und in der rechtsradikalen Szene.

Man merkt, es ist den beiden ein Herzensanliegen, den Schülern zu vermitteln wie es damals war, in der DDR aufzuwachsen. Der Großteil der Schüler, die diese Zeit ja allesamt nicht mehr erlebt haben, zeigt sich beeindruckt. Die Veranstaltung in der Schulbibliothek konnte stattfinden mit Unterstützung der Konrad-Adenauer-Stiftung.

 

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