DDR-Zeitzeuge: „Als naiver Punk wie Staatsfeind Nr. 1 behandelt“

Hörten aufmerksam zu, was Mike Michelus als politischer Häftling der DDR erzählte: Schülerinnen und Schüler der WG-Klassen 12 und 13.

 

 

„Sitzen, schminken, Zeitung lesen“: Mike Michelus ist selbst 34 Jahre später darüber erstaunt, wofür er in der damaligen DDR verhaftet wurde. Für die Staatsmacht war es eine „demonstrativ-provokatorische Handlung“, wie es im Untersuchungsbericht heißt. Dabei hatte er zusammen mit seiner Freundin Jenny nur mit weiß geschminktem Gesicht auf dem Berliner Alexanderplatz gesessen und die ausgerissene Titelzeile „Neues Deutschland“ der gleichnamigen Staatszeitung in die Höhe gehalten. Mike Michelus wurde dafür zu einem Jahr und drei Monaten Gefängnis in der DDR verurteilt. Seine Geschichte erzählte er nun Schülerinnen und Schülern unseres Wirtschaftsgymnasiums unmittelbar vor dem 30jährigen Jahrestag zum Fall der Berliner Mauer am 9. November.

Sechs WG-Klassen lauschten aufmerksam den lebensnahen Ausführungen des heute 53-Jährigen. Schulleiterin Birgit Bürk begrüßte Michelus, der als Theatertechniker auf der Schwäbischen Alb arbeitet und über ein Berliner Zeitzeugenbüro für solche Auftritte vermittelbar ist. In diesem Jubiläumsjahr erhalte er rund dreimal so viele Anfragen wie in sonstigen Jahren.

 

 

Die Titelzeile „Neues Deutschland“ wurde ihm zum Verhängnis und führte ins Gefängnis.

 

 

Aufgewachsen in der DDR mit den damals üblichen Sozialisationsinstanzen der Pioniere, der FDJ und des Wehrkundeunterrichts habe sich Mike Michelus vollauf mit den Idealen des Sozialismus identifizieren können. Doch Zweifel kamen, als er immer häufiger gemerkt habe, dass Ideal und Wirklichkeit des Sozialismus nicht zusammenpassen. Auf seiner „Suche nach etwas Neuem“ geriet er in die Punk-Szene, entwickelte Lust am Anderssein und der Provokation: „Ich packte mir Stroh auf den Kopf, sprang aus Mülltonnen und rief den Leuten lautes Zeug entgegen.“

Am 13. August 1985 hatte er bei einer Aktion mit seiner Freundin Jenny auf dem Berliner Alex mitgemacht. Beide wurden verhaftet – für Jenny war das Kalkül, denn sie wollte als politischer Häftling von der BRD freigekauft werden. Beide wurden später tatsächlich freigekauft. Michelus saß ein Jahr in DDR-Gefängnissen ab, darunter auch kurz im berüchtigten DDR-Knast Hohenschönhausen. „Dabei war ich doch nur ein kleiner naiver Punk und nicht Staatsfeind Nummer 1“, ist er bis heute über die rigorose und unbarmherzige DDR-Staatsmacht entsetzt, die den 19-Jährigen gleich ohne Bewährung ins Gefängnis steckte.

 

 

„Stroh auf dem Kopf“: Mike Michelus hatte einfach Lust auf Provokation.

 

 

Bei der späteren Durchsicht seiner Stasi-Akte habe er entdeckt, dass es wohl schon einen Haftbefehl gegen ihn gegeben habe, der bereits drei Tage vor der Verhaftung ausgestellt gewesen sei – vielleicht habe ihn eine damalige WG-Mitbewohnerin verraten, die als Inoffizieller Mitarbeiter der Stasi tätig gewesen sei.

„Ich habe 20 Jahre Erfahrung in einer Diktatur, 30 Jahre Erfahrung in einer Demokratie“, resümiert er, „ich kann euch sagen, dass die Demokratie angenehmer ist“. „Mischt euch ein, lest Zeitung, seid aktive Leute“, rät er den Schülern. Nach seinem Vortrag umlagern ihn einige Schüler: Sie wollen die Handschellen selbst einmal spüren, die er mitgebracht hat und die ihn fesselten. Sie wollen die Handgranate selbst einmal in die Hand nehmen, mit der er Weitwurf in der Schule üben musste. Sie wollen ihm erzählen, dass sie selbst einer Familie entstammen, deren Eltern aus der DDR geflüchtet sind. Und sie wollen wissen, was aus Jenny geworden sei – die habe sich mit 30 umgebracht, wie er aus der Zeitung erfahren habe.

 

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