Klick für Klick zur passgenauen Schulkarriere

 

Von Lena Müssigmann, dpa

 

Wie soll ein Lehrer wissen, welche Stärken und Schwächen ein Asylbewerber hat, wenn er seine Sprache nicht versteht? Ein bundesweit einzigartiger Bildungstest, der ohne Worte funktioniert und in Baden-Württemberg getestet wird, soll dabei helfen.

Waiblingen (dpa/lsw) – Hamid wippt nervös mit dem Knie. Der junge Mann fährt mit der Maus ziellos über den Computer-Bildschirm. Die Zeit, in der er eine Logikaufgabe lösen soll, läuft rückwärts. Er klickt irgendeinen Lösungsvorschlag an. Ein paar Plätze weiter sitzt Jankeen in einer lässigen Lederjacke. Der 20-Jährige überlegt nur kurz, bevor er zielsicher die richtigen Lösungen auswählt. Die Aufgaben sind schwierig, wie aus einem guten Rätselheft.

An der Kaufmännischen Schule Waiblingen machen acht Flüchtlinge einen bundesweit einzigartigen Bildungstest. Sie werden in einem eigens entwickelten Computerprogramm auf Konzentrationsfähigkeit, Merkfähigkeit, schlussfolgerndes Denken und räumliches Vorstellungsvermögen getestet.

Das baden-württembergische Kultusministerium setzt auf Integration durch Bildung. «Deshalb müssen wir früh und genau darauf achten, welche Potenziale vorhanden sind, unabhängig von der deutschen Sprache», sagt die Projektverantwortliche im Ministerium, Susanne Kugler. Das Ergebnis der Tests könne es Lehrern erleichtern, die Jugendlichen individueller und gezielter zu fördern und deren weitere Schulkarriere zu planen. Klick für Klick soll das gelingen.

Auf den Computerbildschirmen der acht Schüler zwischen 18 und 29 Jahren erscheinen Strichmännchen, die in ihren Gedankenblasen eine Aufgabe mit Symbolen erklären. Nur damit verstehen die Schüler aber nichts. Eine Wissenschaftlerin, die den Test begleitet, muss die Aufgaben erst auf Deutsch, dann auf Englisch erklären und letztlich übersetzen die Männer, die Englisch sprechen, die Aufgaben für ihre Landsleute in Arabisch oder Farsi.

Mal müssen Reihen aus Symbolen logisch ergänzt, mal mehrere Bilder für die spätere Abfrage im Kopf behalten werden. Der fixe Schüler Jankeen findet den Test «ein bisschen schwierig». Er sagt aber: «Für die, die kein Englisch sprechen, ist er sehr schwierig.»

Der Test gehört zu einem Bündel von Maßnahmen, mit denen das Kultusministerium in Baden-Württemberg Flüchtlingen die Integration ins deutsche Bildungssystem erleichtern will. Neben dem Bildungstest – im Fachjargon Potenzialanalyse – wird seit Januar bei der Ankunft von Kindern und Jugendlichen im Südwesten ihre bisherige Schullaufbahn abgefragt. Die Lehrer im Land freuen sich nach Angaben des Kultusministeriums auf die zusätzliche Hilfe beim Umgang mit den vielen Schülern aus aller Welt.

Im Hintergrund des Klassenraums steht im Anzug der Geschäftsführer der Firma MTO in Tübingen, die den Test im Auftrag des Kultusministeriums innerhalb weniger Wochen entworfen hat, Jürgen Ripper. Er beobachtet die Szenerie. Die erklärenden Strichmännchen reichen zur Erklärung offenbar nicht aus, sagt auch er. Dass der Test einigen Schülern Schwierigkeiten bereite, sei allerdings einkalkuliert. Ein Test sei gut konzipiert, wenn zur Hälfte richtige und zur Hälfte falsche Antworten gegeben werden.

Die Lehrergewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) sieht in der Potenzialanalyse eine sinnvolle Ergänzung zur Abfrage der Schullaufbahn. Denn sechs Jahre Schulbesuch bedeute je nach Herkunftsland was anderes, sagt GEW-Geschäftsführer Matthias Schneider. Er erwartet durch die Potenzialanalyse Zeitersparnis bei der Einschätzung von Schülern, warnt aber davor, nur auf den Test zu setzen. «In einer Testsituation verhalten sich Kinder anders.» Deshalb sei es weiterhin wichtig, die Schüler zu beobachten.

Die Klassenlehrerin der Flüchtlinge in Waiblingen, Elena Winterbauer, findet den Test gut. «Man sollte ihn am Anfang machen, damit er was bringt», sagt sie – etwa um Gruppen mit ähnlichem Niveau zu bilden. Sie kennt ihre Klasse schon seit knapp einem halben Jahr und hat mühsam Vertrauen zu den jungen Männern aufgebaut. Inzwischen kommt Winterbauer an Informationen über die Jungs und ihre Vergangenheit, die ein Computerprogramm aber niemals erfragen könnte.

„Mit freundlicher Genehmigung der dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH, Hamburg, www.dpa.de

 

 

Hintergrund:

Pionierprojekt: Bildungstests für Flüchtlinge

 

Stuttgart (dpa/lsw) – Das baden-württembergische Kultusministerium hat den Bildungstest für schulpflichtige Flüchtlinge als bundesweites Pilotprojekt entwickeln lassen. Das Bundesbildungsministerium unterstützt die Entwicklung mit zwei Millionen Euro, wie das baden-württembergische Ministerium mitteilt.

Der Bildungstest besteht aus fünf Modulen. Der kognitive Basistest kommt bereits an ersten Schulen zum Einsatz – dabei geht es etwa um Konzentrationsfähigkeit und räumliches Vorstellungsvermögen. Ein zweites Modul soll Schüler künftig auf Wissen (Mathe, Deutsch und Englisch) testen. Ein drittes Modul ist nach Angaben des Ministeriums gedacht, um methodische Fähigkeiten abzufragen, etwa wie ein Schüler Probleme löst und den eigenen Lernprozess organisiert. Modul vier und fünf sollen berufliche Interessen und biografische Informationen erfassen. «Die Lehrer melden uns, was sie brauchen», sagt die Projektverantwortliche beim Kultusministerium, Susanne Kugler.

Nach den ersten Testläufen in 20 Vorbereitungsklassen bis Juli werden die Tests überarbeitet. Ab Herbst sollen sie dann mit mehreren Tausend Schülern anlaufen. Ob und wann der Test in ganz Baden-Württemberg und anderen Bundesländern angewandt wird, bleibt abzuwarten.

Die Firma MTO, die die Tests entwickelt, hat bereits sprachfreie Tests für einen Automobilkonzern zur Personalrekrutierung in Nordafrika entwickelt. Bildungstests der Firma sind außerdem bereits an vielen allgemeinbildenden Schulen – von der Sonder- bis zur beruflichen Schule – im Einsatz, um überfachliche und berufsrelevante Stärken von Kindern herauszufinden.

„Mit freundlicher Genehmigung der dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH, Hamburg, www.dpa.de

 

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